Rezension: Emotion und Beziehung

nlp Neuro-Linguistische Psychotherapie Band 1

Birgit Bader, Martin Haberzettl, Rupprecht Weerth, Klaus-Rüdiger Gimmler, Klaus Witt (Hrsg.)
ISBN: 3-9809907-6-1
19,80 €

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Fehlt was im NLP?

Innere Gespräche beim Lesen eines Buches
Von Alexa Mohl


Anfang des Jahres brachte die Post ein Buch mit dem Titel: Emotion und Beziehung. Diskussion und Praxis der NLPt. Neuro-Linguistische Psychotherapie Band 1. Ich habe darin geblättert, ein paar Ausrufezeichen und auch Fragezeichen an den Rand geschrieben, es dann beiseitegelegt und über vielen anderen Verpflichtungen vergessen. Im September ruft Martin Haberzettl an und fragt, ob ich nicht etwas dazu schreiben möchte. Eigentlich möchte ich nicht. Ich habe noch nie eine Rezension geschrieben. Aber ich schätze Martin. Und ich kann ja einfach berichten, was die Lektüre dieses Buches in mir ausgelöst hat. Vielleicht haben andere davon einen Nutzen.

Jetzt muß ich dieses Buch von vorne bis hinten lesen. Es dauert aber nicht lange und ich bin froh, diese Entscheidung getroffen zu haben. Dieses Buch ist nützlich! Nützlich für die NLP-Trainerin in mir, nützlich für die NLP-Beraterin, und auch für den Teil in mir, dem NLP ganz allgemein wichtig ist als - ja wie soll ich es bezeichnen? - wichtig als ein Denk- und Handlungssystem, das Menschen weiterbringen kann.

Beispielsweise der Beitrag von Klaus Rüdiger Gimmler. Er trägt Ergebnisse aus der Säuglingsforschung, der kognitiven Entwicklungspsychologie, der Bindungsforschung und anderer Autoren zusammen, die die im NLP hervorgehobene Bedeutung des nonverbalen und verbalen Pacing bestätigen. Das ist ausgezeichnetes Material für die Practitioner-Ausbildung! Das gleiche gilt für Rupprecht Weerths Beschäftigung mit dem Thema Rapport. Er bemüht sich um eine Klärung, wie denn in die Welt des anderen einzusteigen sei, ob Rapport als eine „echte“ Beziehung überhaupt durch Spiegel-„Techniken“ hergestellt werden kann oder nicht vielmehr auf der Ebene einer wertschätzenden inneren Haltung zustandekommt. Auch die Ausführungen von Markus Plate über eine Revision der kinästhetischen Modalität lese ich mit Begeisterung: Endlich macht sich jemand die Mühe, die unterschiedlichen Repräsentationen zu klären, die sich im NLP unter „K“ verbergen. Auch das war überfällig. Plate bemüht sich im weiteren auch um eine Ausarbeitung des Metamodells, weist darauf hin, daß es noch andere, von Bandler und Grinder nicht berücksichtigte Modaloperatoren gibt, die sinnvoll zu hinterfragen wären.

Die NLP-Beraterin in mir freut sich ganz besonders über den Beitrag von Birgit Bader. Sie beschreibt, wie sie therapeutisch arbeitet, wie sie NLP einsetzt und was sie darüber hinaus heranzieht. Klaus Witt liefert erfreuliche Bestätigungen für eine NLP-Praktikerin. Er zeigt sehr schön auf, wie problemorientierte Diagnostik dazu führen kann, daß „Probleme durchlitten und gelöst“ werden, die man mit einem anderen Therapiemodell ... möglicherweise gar nicht hätte, und „wie tragisch rein pathologisches Denken werden kann“. (S.89) Martin Haberzettl weist darauf hin, daß es in der Arbeit insbesondere bei Gesundheitsthemen auch wichtig ist, zu bedenken, daß „jede positive Formulierung ... auch eine Einschränkung (darstellt); eine Entscheidung für etwas und damit gegen etwas anderes.“ Er will damit dazu beitragen, „unsere festen NLP-Gewohnheiten immer wieder zu hinterfragen und zu reflektieren.“  (S.176) Da kann ich nur zustimmen!

Bestätigt fühle ich mich auch durch den Beitrag von Franz-Josef Hücker: NLP-Therapie in Aktion. Mit Nachdruck erinnert er an eine grundlegende NLP-Überzeugung, nach der jeder Mensch seine eigene Welt aufbaut. Er beharrt auf individualisierter Therapie, so wie Bandler und Grinder sie in Anlehnung an Milton Erickson fordern. Auch an den Rand des zweiten Beitrags von Martin Haberzettl habe ich mehrmals ein „Ja“ vermerkt, dort, wo er sich „Grundannahmen“ des NLP vornimmt und aufzeigt, daß sie als Bausteine eines NLP-Menschenbildes  nicht taugen, sondern Handlungsmaximen darstellen.

In seinem Leitbeitrag „Zum aktuellen Entwicklungsstand der Neurolinguistischen Psychotherapie“ hält Rupprecht Weerth fest, die Begründer des NLP hätten „einen immensen Schatz“ zusammengetragen. Dem stimme ich wieder mit Nachdruck zu. Aber nach dieser Feststellung kommt noch ein anderer Satz, in dem Weerth zum Ausdruck bringt, „Theorien oder wenigsten praktische Beispiele, wie das Ganze in sinnvollen (mittel- und längerfristigen) therapeutischen Prozessen zusammenzufügen ist und welche Voraussetzungen seitens des Therapeuten dafür erfüllt sein müssen, fehlen aber weitgehend.“ (S.10) Weerth vermißt im NLP auch eine „Störungs- und Persönlichkeitslehre“, wie in seinem zweiten Beitrag nachzulesen ist (S.155).

Auch anderen Autoren dieses Buches fehlt etwas im NLP. Haberzettl möchte ein fehlendes Menschenbild gestalten und dazu Anleihen bei anderen Modellen und Schulen machen. (S.82) Gerhart Unterberger plädiert für die Aufnahme einer Theorie der Emotionen. Sie schließe viele Lücken und führe zu einem besser integrierten ‚Gebäude‘ NLP. (S.13) Klaus Witt reklamiert sowohl „flexible diagnostische als auch prozeßorientierte therapeutische Modelle, welche die individuelle Sicht des Patienten einbeziehen. (S.94) Und Klaus Rüdiger Gimmler tritt dafür ein, daß ein NLP-Therapeut sich nicht allein auf die vom Klienten angebotene Problematik beziehen, sondern sein therapeutisches Instrumentarium „mehr entlang der Lebensthemen“ seines Gegenüber einsetzen sollte. (S.64) Dabei taucht irgendwo in meinem Hinterkopf die Frage auf: Wer bestimmt das Problem?

Vor allen Dingen Birgit Bader führt aus, daß eine „Ausbildung zum NLP-Therapeuten, mit der das Europazertifikat für Psychotherapie erlangt werden kann, ... ganz anderen qualitativen Ansprüchen genügen (muß) als es bisherige NLP-Ausbildungen leisten.“(S.121) Ihr fehlen u.a. eine Diagnostik, eine Beziehungsgestaltung im NLP, aber auch solche Fähigkeiten wie einen psychischen Befund zu schreiben, den ein anderer Gutachter, z.B. ein Psychoanalytiker, lesen kann.

Ich halte es für ziemlich sicher, daß auch ein zukünftig anerkannter NLP-Therapeut wird lernen müssen, einen Befund für die Krankenkasse zu schreiben. Aber dieses Lernziel wird man, wie ich glaube, nicht zu den NLP-Fähigkeiten rechnen und ins NLP integrieren wollen. Wer NLP in pädagogischen oder Managementzusammenhängen anwendet, muß sich auch zusätzliches Wissen und zusätzliche Fähigkeiten aneignen. Ein NLP-Therapeut wird sich auch im ICD-10 auskennen müssen. Aber auch die „Internationale Klassifikation psychischer Störungen“ wird vermutlich niemand dem NLP zurechnen wollen. Außerdem taucht bei „ICD-10“ in meiner Erinnerung auf, daß ich gelernt habe, nach Feststellung beispielsweise einer spezifischen Phobie mit dem Sammeln von Informationen nicht aufzuhören, sondern anzufangen nach dem Motto Menschen funktionieren perfekt: „Wenn ich Sie einen Tag vertreten sollte, was und wie genau müßte ich dabei bewußt und unbewußt tun, um mich genauso zu fühlen und zu verhalten wie Sie?“ Wie problematisch problemorientierte Diagnostik ist, wie schnell wir darüber ein Problem iatrogen erzeugen, und darüber hinaus ungewollt in eine Beurteilung des Klienten und dann in eine professionelle Überlegenheit hineinschliddern können, hat Klaus Witt gerade in diesem Buch aufgezeigt.

Wenn für therapeutische Interaktionen Wissen und Fähigkeiten gefordert werden, stimme ich selbstverständlich zu. Wenn Birgit Bader schreibt: „Aus meiner Sicht wird NLPt gerade in Bezug auf die therapeutische Interaktion und die Beziehungsgestaltung zum Klienten gefordert, sich weiter zu entwickeln,“ (S.117) fällt mir ein, daß die Begründer des NLP angemerkt haben: „Die Abhängigkeit von uns ist nicht sehr groß.“ (Neue Wege der Kurzzeittherapie, S.164f.) Sie begründen ihre Einschätzung mit der Schnelligkeit ihrer Arbeit, damit, daß sie prozeß- und nicht inhaltsorientiert vorgehen und darüber hinaus ihre Klienten mit Methoden der Arbeit mit sich selber ausstatten. Möglicherweise läuft jedoch die Beratungsarbeit mit NLP in längeren therapeutischen Prozessen anders ab, als die Begründer des NLP annahmen. Dennoch: ich fürchte bei solchen Themen den Selffullfilling-Prophecy-Effect. Gerade in beratenden Verhältnissen kann das Denken des Beraters sehr machtvoll sein.

Bei der Frage, was über NLP hinaus für therapeutische Arbeit nützlich sein kann, habe ich selber nicht wenige Ideen, von den Abwehrmechanismen aus der Psychoanalyse bis hin zu Erklärungsversuchen, warum manche früh erworbenen Problemmuster so hartnäckig sein können. Wahrzunehmen, was andere herausgefunden haben und darüber nachzudenken, wie andere sich zurechtlegen, was sie vorfinden, halte ich für durchaus nützlich. Wenn aber eine „Störungs- und Persönlichkeitslehre“ (S.155) oder die Gestaltung eines Menschenbildes (S.82) anvisiert wird, taucht eine Stimme auf, die mich daran erinnert, was die Begründer des NLP über „Psychotheologien“ geschrieben haben. (Neue Wege ..., S.21f. und S.152) Auch psychologische Glaubenssysteme sind Glaubenssysteme. Nicht ohne Grund haben Bandler und Grinder immer wieder gefordert, nicht zu halluzinieren und sich mit Elementen aus der eigenen Welt einzumischen.

Die Begründer des NLP haben ihre Lehrer – Perls, Satir und Erickson – modelliert. Damit könnten wir fortfahren. Was andere erfolgreiche Psychologien und Psychotherapieformen leisten, könnten wir so angehen. Aber ich würde dabei so vorgehen wollen wie Bandler und Grinder in ihrem Modelingprozeß: Sie haben die Methoden ihrer Lehrer in einem ersten Schritt übernommen, in einem zweiten Schritt aber systematisch überprüft, was davon wirklich nötig ist, um das gleiche Ergebnis zu erzielen. Ein einfacher Hinweis, irgend etwas runde NLP ab, würden mir nicht reichen.

Wenn ich richtig verstanden habe, lassen die Autoren sich vom Anspruch leiten, eine eigenständige Neuro-Linguistische Psychotherapie fundiert zu formulieren (S.10). In den Beiträgen finde ich jedoch nur wenige Hinweise, denen ich entnehmen kann, was eine eigenständige NLP-Therapieform ausmachen soll. Niemand stellt dar, was denn die anderen eigenständigen Therapieformen haben, was uns aber fehlt. Und niemand beschreibt, was denn fehlt, aber notwendig wäre, um ein guter Therapeut zu sein? Könnte es sein, daß es darum geht, für Vertreter anderer Therapieschulen nachvollziehbar zu sein (S.95), im Therapiegeschäft anerkannt zu werden. Orientieren wir uns daran, wie andere denken, was eine eigenständige Therapieform ausmacht?


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